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Skulptur von
Eine zerknüllte und achtlos weggeworfene Zeitungsseite liegt im Park hinter der Städtischen Galerie. Kein ungewohnter Anblick an einem Ort, der als Durchgang für viele Menschen dient und an dem so mancher Gegenstand auf die Wiese geworfen wird. Die zerlesene Seite ist zugegebenermaßen recht groß. Auf ihr ist das eine und andere noch sichtbar, aber kaum mehr lesbar. Viele der Informationen verschwinden in den Faltungen des Papiers – ähnlich wie zahlreiche Nachrichten, die wir lesen, in den Windungen unseres Gehirns verschwinden oder nur noch bruchstückhaft haften bleiben. Nachrichten sind flüchtig. Heute gelesen, morgen vergessen – unter Umständen. Wegfliegen kann diese Zeitungsseite nicht, denn es handelt sich um eine Bronzeplastik. Sie entstand auf Grundlage einer in Ton vergrößert modellierten Seite der chinesischen Tageszeitung „China Daily“, die Berichte über die Vorbereitung der Olympischen Spiele 2008 in Peking enthielt.
Schon die ursprüngliche zerknüllte Zeitungsseite, die als Vorlage diente, kann als eine komplexe Skulptur betrachtet werden: Sie ist allansichtig, kann also von allen Seiten angeschaut werden, sie enthält kontrastreiche Volumina und bietet Ein- und Durchblicke. Sie ist dynamisch, hat eine offene Form – obwohl sie einen Alltagsgegenstand abbildet. Wang Du nimmt diese Form auf und lässt sie in Bronze gießen. Bemerkenswert der Sprung der Material-Wertigkeiten: vom Papier zur Bronze. Eine Veredelung.
In seinen bildhauerischen Arbeiten setzt sich Wang Du häufig mit den Medien auseinander. Er stellt die Bilderflut und Medienmacht unserer Gesellschaft in den Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses. Seine teils überdimensionierten Skulpturen von Zeitungsseiten zeigen einerseits den Einfluss medialer Inhalte, andererseits deren Flüchtigkeit.
Es gibt einen besonderen Grund, warum Wang Du ausgerechnete diese Seite aus der „China Daily“ als ein zerknülltes, an Abfall erinnerndes Objekt gestaltete: Das regierungsnahe Blatt berichtete über die Olympischen Spiele, die kontrovers betrachtet wurden, auf banale unkritische Weise. Ein Blatt, das nicht der Rede wert ist und deshalb zerknüllt auf der Wiese liegt.
Autorin: Sigrid Blomen-Radermacher
Biografie & künstlerischer Werdegang
Wang Du (*1956 in Wuhan, China). Er studierte von 1981 bis 1985 am College of Design in Kanton. 1985 bis 1990 hatte er einen Lehrauftrag für Bildende Kunst am Institut für Architektur am Polytechnikum Südchina inne. . Bis 1990 war er Vorsitzender der Künstlergruppe „The Salon of Artists of Southern China“, die er 1986 gründete. 1990 verließ er China. Auslöser war das Tian’anmen-Massaker in Peking. Seitdem lebt er in Paris. Er lehrte 1997 bis 2002 an der Université Paris VIII (Vincennes – Saint Denis).
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