Im Jahr 1851 begann mit dem Bau des ersten Bahnhofs eine neue Zeit – und Reisen wurde plötzlich für viele Viersener möglich.
Endlich Ferien – für viele beginnt jetzt die schönste Zeit des Jahres. Koffer packen, einsteigen und losfahren. Ob mit dem Auto, dem Flugzeug oder der Bahn – Reisen ist heute selbstverständlich. Vor rund 200 Jahren jedoch war das ganz anders.
Wer eine andere Stadt erreichen wollte, musste zu Fuß gehen oder eine Kutsche nutzen. Selbst eine Strecke wie von Viersen nach Düsseldorf wurde schnell zur Tagesreise. Entsprechend selten verließen die meisten Menschen ihre Heimat.
Erst mit der Eisenbahn änderte sich das grundlegend. Als diese schließlich auch nach Viersen kam, begann für die Menschen vor Ort eine neue Zeit. Reisen wurde einfacher, schneller – und plötzlich für viel mehr Viersener möglich.
Am Niederrhein wurde 1849 die erste Strecke durch die Ruhrort-Crefeld-Kreis-Gladbacher Eisenbahngesellschaft eröffnet, die von Duisburg-Homberg über Krefeld nach Viersen führte. Hier war Viersen Vorreiter. Erst zwei Jahre später führte die Bahn auch ins benachbarte Gladbach.
Die Bahngleise lagen auf der heutigen Freiheitsstraße und konnten an nur drei Stellen überquert werden, an der Goetersstraße, der Großen Bruchstraße und der Eichenstraße. In den ersten Jahren stand der Güterverkehr im Mittelpunkt. Das sollte sich ändern. Im Jahr 1851 war es so weit, Viersen erhielt sein erstes Bahnhofsgebäude. Der einfache Bau zwischen Großer Bruchstraße und der heutigen Bahnhofstraße diente zugleich dem immer wichtiger werdenden Personenverkehr und dem Verladen der Güter. Große Kohlelager in der Umgebung zeugten von der Bedeutung des Warenumschlags.
Der Bahnhof hatte zwei Eingänge. Im Inneren befanden sich ein Fahrkartenschalter und ein Warteraum. In den Anfangsjahren war der Bahnhof die Attraktion schlechthin. Stolz waren die Viersener über ihre Errungenschaft. Oft waren mehr Schaulustige am Bahnhof, um die dampfenden Züge zu bestaunen, als Reisende unterwegs waren.
Für das Reisen gab es strenge Regeln. Zehn Minuten vor Abfahrt mussten die Fahrgäste im Zug sein – wer zu spät kam, blieb zurück. Kranke und Betrunkene waren ausgeschlossen. Zudem gab es nur eine einzige Toilette im Packwagen des Zuges, die nur an den Haltestellen erreichbar war. Pech, wenn diese bereits besetzt war. Im Zug angekommen hörte man dann vom Schaffner, der sich auch bei Wind und Wetter von Coupé zu Coupé hangelte, ein freundliches: „Guten Tag! Ihre Fahrkarten bitte!“
Von der Pünktlichkeit des Zuges konnte sich Gertrud Boeckstegers im Jahr 1908 überzeugen, als sie ihre Nichte Anna nach einem Besuch zum Bahnhof brachte. „Anna wollte den Zug um 19.58 Uhr erreichen. Sie hatte keine Eile. Wir begaben uns ganz gemütlich zur Bahn. An Kaiser`s Fabrik war es schon 19.50 Uhr. Wir wurden etwas schneller und wir erreichten die Eisenbahn. Anna stolperte über die Steine, aber vergebens, wir waren nur einige Schritte entfernt – und der Zug fuhr ab und ließ uns verdutzt stehen. Schallendes Gelächter kam von den beiden Bahnbeamten.“ Die beiden Damen nahmen es ebenfalls mit Humor und erreichten den nächsten Zug, der um 21.30 Uhr pünktlich abfuhr.
Ein besonderes Ereignis erlebte der Bahnhof 1856, als der preußische König, Friedrich Wilhelm IV., in Viersen Station machte. Begrüßt wurde er vom Landwehrverein und mit einem Gedichtvortrag sowie der Blumengabe eines 16-jährigen Mädchens. Ihre Darbietung wurde mit einem Kuss vom König belohnt. Ein lokaler Höhepunkt für Stadt.
Zwischenzeitlich wurde die Eisenbahnstrecke von der Bergisch-Märkischen Eisenbahn übernommen. Die Streckenführung wurde ausgebaut und die Viersener konnten nun auch ins benachbarte Venlo fahren.
Mit steigenden Fahrgastzahlen wurde der erste Bahnhof bald zu klein.
1866 entstand daher wenige Meter östlich des ersten Bahnhofs ein neues, repräsentativeres Bahnhofsgebäude. Es war ausschließlich für den Personenverkehr gedacht. Der Neubau war freundlich und einladend. Fahrkarten wurden als kleine, bedruckte „Kartönchen“ ausgegeben und an zwei Schaltern verkauft. Wer Reisende zum Bahnsteig begleiten wollte, benötigte eine sogenannte „Perronkarte“. An einem Wachhäuschen wurden die Karten von einem Bahnbeamten kontrolliert und „abgeknipst“. Die Kontrolle erfolgte auch beim Verlassen des Bahnhofs.

Der Bahnhof stand am Ende der Casinostaße, die sich zu einer der prächtigsten Straßen Viersens entwickelte. Trat man zum Ende des Jahrhunderts aus dem Bahnhof heraus, blickte man auf eine prächtige Kulisse von Bauten, wie das Hotel Lennartz, das Rathaus, die Gesellschaft Casino, die Gesellschaft Erholung und das Hotel Kaiserhof. Sie boten dem Ankommenden eine schöne Kulisse, einzig gestört durch die noch bestehenden Gartenflächen auf der rechten Seite der Straße. Dort empfingen die Reisenden Kohlköpfe, Bohnenstangen und Kartoffeln. Im Jahr 1900 kaufte die Stadt das Gelände und der Alte Stadtgarten entstand ein Jahr später. Damit war die städtebauliche Kulisse perfekt.

Entlang der Gleise wurde ein sogenannter „Boulevard“ angelegt, auf dem die Viersener flanierten und die neue Technik bestaunen konnten. Ein damals vielgenutztes Angebot.

Weitere Bahnhofsgebäude standen im Rahserfeld, am Eichelnbusch und in Helenabrunn.
Die Anzahl der Reisenden nahm schnell und stetig zu. Bereits im Jahr 1869 verzeichnete die Personen- und Güterbeförderung 313.028 ankommende und abfahrende Personen. Viersen hatte zu dieser Zeit etwa 17.300 Einwohner. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Notwendigkeit eines noch größeren Bahnhofs diskutiert. Der zunehmende Verkehr produzierte lange Wartezeiten vor den Bahnschranken in der Stadt. Die wachsende Industrialisierung erforderte größere Kapazitäten zum Transport von Gütern und Menschen. Der Neubau wurde im Eichelnbusch verwirklicht und das Gleisbett dabei höhergelegt.
Die Gebäude der beiden ersten Viersener Bahnhöfe gibt es nicht mehr. Die Casinostraße, im Jahr 1920 in Bahnhofstraße umbenannt, wurde zum neuen Bahnhof durchgeführt. Das Gebäude des zweiten Viersener Bahnhofs musste weichen und wurde bereits im Jahr 1918 niedergelegt. Der erste Bahnhof diente lange Jahre als Wohngebäude und stand noch bis zu seinem Abriss im Jahr 1971.
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