Sommer, Sonne, auf ins Schwimmbad … Vor 120 Jahren eröffnete das Hallenbad an der Burgstraße, vor 90 Jahren das Freibad Haus Kaiserbad an der Dülkener Straße. Aber bereits vorher, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, konnten die Viersener eine Badeanstalt besuchen.
Im Jahr 1859 erschien im „Verkündiger für Stadt und Land“ eine Anzeige zur Eröffnung einer Badeanstalt durch einen Th. Weyers. Theodor Weyers war Kattunfabrikant und Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Er wohnte im Viersener Ortsteil Rintgen auf der heutigen Hauptstraße. Wo diese Badeanstalt war, wissen wir nicht. Ob es ein Schwimmbad gab, oder nur Wannenbäder vorhanden waren, ist nicht bekannt. Diese Anzeige ist der einzige Hinweis auf eine frühe Badeanstalt. In keiner weiteren Quelle ist sie zu finden. In früheren Zeiten vergnügte sich die Jugend z. B. sommers wie winters im Herren- oder Schultheißenweiher im Dorf, wie der Pfarrer und Heimatforscher Lohmann beschreibt, oder auch in den Auen der Niers. Die Mühlenteiche der Viersener Mühlenbetriebe Bachaufwärts, wie z. B. der Goetersmühle und der Rahsermühle, waren tabu – Baden war strengstens verboten.

Im 19. Jahrhundert entstanden in Deutschland die ersten Freibäder. Im Jahr 1884 eröffnete in Viersen der Installateur Albert Hahn auf der Goeterstraße neben seiner Wohnung eine Schwimm- und Badeanstalt. An der Stelle war zuvor eine Bleiche gewesen, die sogenannte „Loefbleek“. Das Schwimmbad bestand aus einem einfachen Holzhaus, in dem Wannenbäder und wohl auch die Umkleidekabinen eingerichtet waren. Im Keller befanden sich eine Heizung und der Boiler zum Befüllen der Badewannen. Ein Gang führte zum eigentlichen Schwimmbassin, welches durch ein Seil in einen Schwimmer- und einen Nichtschwimmerbereich unterteilt war. Frisch befüllt, zunächst mit dem Wasser des Dorfer Baches, musste es mit erwärmtem Wasser nachgeheizt werden. Der Forscher und Arzt Aloys Schmitz beschrieb das Wasser aus dem Dorfer Bach dort als frisch und klar und bestätigte Hahn mit seiner Werbung für das saubere Wasser. Die dahinter gelegenen Mühlenteiche der Goeters- und Rahsermühle verunreinigten den Bach. Das Wasser hätte Hahn so nicht mehr verwenden können.

Die Goetersmühle im Jahr 1885. Lienks der Eingang zur Hahn`schen Badeanstalt. (Kreisarchiv Viersen)
Im Sommer 1889 lobte die Viersener Lokalzeitung „Der Verkündiger für Stadt und Land“ die Vorzüge des Hahn`schen Bades: „Jetzt, wo die heißen Tage wieder eingetreten sind, erweist sich die Schwimm- und Badeanstalt des Herrn Hahn wiederrum als eine wahre Wohltat für unsere Stadt. In den letzten Tagen haben schon Viele Stärkung und Erquickung in den klaren Fluten des Schwimmbassins gefunden. Früher konnten Eltern, welche schwimmlustige Söhne hatten, dieserhalb nicht ohne Sorge sein, indem einerseits das unbeaufsichtigte Baden in der Niers unter Umständen gefährlich sein konnte, andererseits das Betreten der anschießenden wiesen aber auch vielfach Protokolle zur Folge hatte.“
Die Lage der Schwimm- und Badeanstalt schräg gegenüber der Goetersmühle und in der Nähe des Pfarrgartens von St. Remigius. Dort wurde später das Kesselhaus der Firma Kaiser’s Kaffee gebaut. (Kreisarchiv Viersen)
Als im Jahr 1890 das Viersener Wasserwerk eröffnet wurde und somit die Viersener ihr Wasser zentral bezogen, erhielt Hahn sein Wasser ebenfalls von dort. Nun sollte der Installateur große Summen an die Stadt Viersen für das städtische Wasser bezahlen. Diese Kosten waren zu hoch für den Geschäftsmann und das Bad erwies sich als nicht mehr rentabel. Die Stadt ließ sich auf keinen Kompromiss ein, so dass Albert Hahn sein Schwimmbad schließen musste. Dies bedeutete einen herben Verlust für die Stadt. Die nächste Badeanstalt befand sich im benachbarten Mönchengladbach. Für einen Sprung ins kühle Nass oder ein Wannenbad war die Strecke dorthin viel zu weit.Die Immobilienversteigerung für das Viersener Bad wurde im Mai 1894 anberaumt. Da lenkte die Stadt ein. Zu einem Pauschalpreis von 300 Mark jährlich, heute etwa 2450 Euro, bekam Hahn nun das Wasser von der Stadt geliefert.Im Mai 1896 eröffnete der Installateur seine „Bade- und Schwimmanstalt“ zur Erleichterung vieler Viersener wieder.Das Bad war täglich von morgens 6 Uhr geöffnet. Der Preis betrug 10 Pfennige Eintritt. Das Ausleihen einer Badehose kostete 5 Pfennige. Auch für das Damenbad bestand ein Angebot. Für Frauen und Mädchen waren spezielle Zeiten reserviert. Sie konnten das Bad morgens von 8 bis 10 Uhr und nachmittags von 13 bis 15 Uhr nutzen. Die weibliche Nutzung war aber dennoch zögerlich. Die Schwimmkleidung musste „züchtig“ sein, hoch geschlossen und war somit sehr unbequem. Die Bekleidung, oft aus Wolle bestehend, wurde im Wasser sehr schwer, was Unfälle förderte.Im Großen und Ganzen erfreute sich das Schwimmbad aber steigender Beliebtheit. Die durchschnittliche Badetemperatur belief sich auf etwa 16 bis 17 Grad. An heißen Sommertagen bot es sehr erfrischende Momente. Ein regelmäßiger Gast im Hahn’schen Bad war der Viersener Bürgermeister Peter Stern.Das Erlernen des Schwimmens diente der Körperertüchtigung, welche immer populärer wurde. Zahlreiche Ärzte und Pädagogen schrieben dem Schwimmen zahlreiche positive Wirkungen zu, wie z. B. die Kräftigung der Muskulatur, die Förderung der Ausdauer und die Abhärtung gegen Krankheiten. So leitete der am Viersener Jungengymnasium tätige Mathematik- und Turnlehrer Farwick Schwimmkurse.
Im Jahr 1897 beantragte Hahn trotz steigender Wasserpreise die Beibehaltung der Wassergebühr von 300 Mark. Die Stadt stimmte dem zu, zumal Hahn sein Bad samstagsnachmittags von 17.30 Uhr bis 20 Uhr extra für Arbeiter öffnete und ihnen ein Bad ermöglichte. Dies ebenfalls zu einem Preis von 10 Pfennigen. Ein Beitrag zur Körperhygiene, denn Badezimmer in Wohnungen gab es kaum. Das Baden war mühsam, das Wasser musste erhitzt und eine Wanne damit gefüllt werden. Das war ein aufwendiger und auch teurer Vorgang.
Im Jahr 1899 gab es für die badefreudigen Leser der Viersener Volkszeitung Tipps für ein sicheres Bad. Sie lauteten:
1. Lege den Weg zur Badeanstalt in mäßiger Schnelligkeit zurück. 2. Bei der Ankunft am Wasser beachte Strömung und Bodenverhältnisse. 3. Entkleide dich langsam, gehe aber dann sofort ins Wasser. 4. Springe mit dem Kopfe voran ins Wasser oder tauche wenigstens ganz unter, wenn du das erste nicht kannst oder magst. 5. Bleibe nicht zu lange im Wasser, zumal wenn du nicht sehr kräftig bist.
6. Kleide dich nach dem Bade schnell wieder an.
Nicht schwimmen gehen sollte man bei „Gemütsbewegung“, nach durchwachten Nächten, bei Unwohlsein, nach Mahlzeiten und besonders nach dem Genuss geistiger Getränke. Die Tipps sind auch heute noch aktuell.
Albert Hahn renovierte die Viersener Badeanstalt im Jahr 1902, indem er das Becken auszementieren ließ. Er schaffte einen zweiten Dampfkessel an, so dass die Temperatur des Bades konstanter gehalten werden konnte. Die Badetemperatur wurde damit auch zunehmend wärmer und angenehmer. Doch die Tage der Badeanstalt waren gezählt.
Die Firma Kaiser`s Kaffee hatte im Jahr 1899 auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik Diergardt Nachfolger seine Schokoladenfabrik errichtet und bereits das gesamte Gebiet um die Hahn’sche Badeanstalt erworben. Auch Albert Hahn ergriff die Gelegenheit und verkaufte sein Grundstück ebenfalls an Kaiser’s Kaffee. Hahn verlegte seine Wohnung und Geschäft auf die Burgstraße. Im Mai 1905 eröffnete das Bad zu seiner letzten Saison. Danach mussten die Viersener sich von ihrer vielleicht schon liebgewonnenen Badeanstalt trennen. Auf dem Gelände baute Kaiser`s Kaffee das Kessel- und Maschinenhaus der Schokoladenfabrik. Viersen hatte nun keine Badeanstalt mehr. Unmut machte sich breit, da die umliegenden Städte und auch das benachbarte Dülken mit dem im Jahr 1903 erbauten Kaiser-Friedrich-Bad über ein Schwimmbad verfügten. So beschloss man mit Unterstützung des Fabrikanten Josef Kaiser den Bau des Hallenbades auf der Burgstraße vor 120 Jahren. Mit dem Ende der Hahn’schen Badeanstalt verschwand ein Stück Stadtgeschichte, doch sie ebnete den Weg für das Hallenbad an der Burgstraße und das heute nicht mehr vorhandene Freibad an der Dülkener Straße.
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