9. Oktober 2026

Sonntags auf den Hohen Busch

Foto: Peter-Stern-Allee um 1925, Kreisarchiv Viersen
Wie engagierte Bürger den Wald vor der Abholzung bewahrten und zu einem beliebten Ausflugsziel machten
Text: Beatrix Wolters
Inhaltsverzeichnis

„Es geht doch nichts über den Hohen Busch.“ Kaum ein Satz beschreibt die Verbundenheit der Viersener mit ihrem Wald so treffend. Generationen von Familien zog es sonntags hinaus auf die Höhen zwischen Viersen und Süchteln. Doch dass hier überhaupt ein Erholungsgebiet entstand, ist dem Engagement weniger Bürger zu verdanken.

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein betrachteten die Eigentümer der zahlreichen Waldparzellen den Wald vor allem als Wirtschaftsgut. Holz wurde zum Heizen, für den Hausbau und für das Handwerk benötigt. Große Flächen des ursprünglichen Laubwaldes wurden abgeholzt und durch schnell wachsende, ertragreichere Nadelbäume ersetzt. Dadurch veränderte sich das Gesicht des Hohen Busches erheblich. Kahlschläge wechselten sich mit dichtem, kaum passierbarem Unterholz ab – kein Ort, der zum entspannten Spaziergang einlud.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, gründeten engagierte Viersener Bürger 1886 den Viersener Verschönerungsverein. Der Anlass war zunächst ein anderer, der Verein kümmerte sich um die Bepflanzung der damaligen Bahnhofstraße, der heutigen Parkstraße. Schon bald rückte jedoch der Hohe Busch in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Unter dem Vorsitz von Ernst Spoer setzte sich der Verein das Ziel, den Wald vor weiterer Zerstörung zu bewahren und ihn zu einem attraktiven Naherholungsgebiet für Einheimische und Besucher zu entwickeln.
Dafür erwarb der Verein nach und nach zahlreiche Waldparzellen und übertrug sie der Stadt unter dem Leitspruch: „Der Hohe Busch, der Stadt unveräußerliches Eigenthum.“ Es entstanden Spazierwege und Aussichtspunkte, darunter als besondere Attraktion die Wilhelmshöhe. Im Jahr 1896 wurde zwischen der Eisenbahnbrücke und der Wilhelmshöhe eine Lindenallee, seit 1925 Peter-Stern-Allee, gepflanzt. Bänke und Schutzhütten luden die Besucher zum Verweilen ein.Im selben Jahr wandte sich der Verein an die Eisenbahnverwaltung mit der Bitte, vergünstigte Fahrkarten für Ausflügler aus Krefeld und der weiteren Umgebung einzuführen. Die Bahn entsprach diesem Wunsch. Nun konnten noch mehr Erholungssuchende den Hohen Busch besuchen – ein Gewinn auch für die Gastwirte in Viersen und auch in Süchteln.

Albert-Stracke-Platz, Kreisarchiv Viersen

Wer von Viersen kam, kehrte häufig nach einer Wanderung über die Wilhelmshöhe und durch die Katzenschlucht in den Gartenlokalen Kuss oder Schroers ein. Beliebte Ausflugsziele waren außerdem das Haus Brassel am Beginn des Noppdorfes sowie die Kaisermühle mit ihren zahlreichen Attraktionen.Um den Hohen Busch über die Region hinaus bekannt zu machen, veröffentlichte der Verschönerungsverein 1896 die Werbeschrift „Frisch auf! Eine Wanderung über den Hohen Busch“. Weitere Waldflächen sollten durch Spendengelder erworben werden.

Deshalb veranstaltete der Verein 1897 einen großen „Bazar“ im Hotel Gansen an der Hauptstraße. Hotelier Gansen stellte dafür seinen Festsaal zur Verfügung, in dem die Besucher – wie die Veranstalter versprachen – „ihr blaues Wunder erleben“ konnten. Zahlreiche Geschäftsleute unterstützten die Veranstaltung mit Spenden. Eine Kirmes im Bereich neben dem Augustaplatz mit Dampfkarussell und einer Boxvorführung sorgte zusätzlich für Unterhaltung. Das Fest wurde ein großer Erfolg: Insgesamt kamen 31.400 Mark zusammen, darunter auch eine großzügige Spende des Fabrikanten Wilhelm Greef.

Die Gaststätte mit Sommergarten von Leopold Brassel. (LS / Fotosammlung Kreis Viersen, Nr. 220)

Doch nicht nur der Wald selbst wurde verschönert. Auch der Weg dorthin sollte für Spaziergänger angenehmer werden. Neben der 1898 eröffneten Gaststätte von Leopold Brassel entstand eine Treppenanlage. Sie führte zunächst noch in die Sandgrube des Besitzers Sitz, der dem Verschönerungsverein später den benötigten Weg unentgeltlich überließ. So konnte man bequem von der Kaiserstraße über die sogenannte „Fallenkaul“ zur Eisenbahnbrücke gelangen. Die Brücke bestand zunächst aus Holz.

Vor allem Kinder zog die Brücke magisch an. Von hier aus beobachteten sie begeistert die Eisenbahnzüge auf der Strecke zwischen Viersen und Dülken. Als die Eisenbahngesellschaft später beschloss, die hölzerne Brücke durch eine steinerne zu ersetzen, erhielt der Zugang zum Hohen Busch ein weiteres dauerhaftes Wahrzeichen. Im Winter wurde gerodelt. Einige Mutige, die es wagten die sogenannte „Todesbahn“ herunterzufahren landeten mit einem Arm- oder Beinbruch im Krankenhaus.

 

Blick auf den Bismarckturm, (LV / Lichtbilder Viersen, Nr. 5 3753)

Im Jahr 1899 entstand schließlich eine weitere Idee, die den Hohen Busch bis heute prägt. Aus Anlass des Geburtstages Kaiser Wilhelms II. regten mehrere Viersener Bürger den Bau einer Bismarcksäule auf der Wilhelmshöhe an. Das Vorhaben löste heftige Diskussionen aus. Vor allem katholische Kreise lehnten das Denkmal entschieden ab. Befürworter und Gegner lieferten sich nicht nur in den Viersener Zeitungen einen öffentlichen Schlagabtausch. Um den geplanten Standort anschaulich zu machen, errichtete man auf der Wilhelmshöhe ein hölzernes Gerüst. Wer es bestieg, konnte bereits den eindrucksvollen Blick über Viersen genießen und sich vorstellen, wie die Bismarcksäule später einmal wirken würde. Im Januar 1901 wurde das Denkmal schließlich feierlich eingeweiht. Den Turm konnte man für 10 Pfennige besteigen und den Ausblick genießen. Wie beliebt der Hohe Busch war, zeigt ein Schulaufsatz der zwölfjährigen Maria Boeckstegers aus dem Jahr 1910. Sie schrieb:

„Eine der schönsten Punkte in der Umgebung unserer Stadt ist der Hohe Busch. Er zieht sich in langen Hügelreihen im Westen der Stadt fort. Ein sandiger Hügel schließt sich an den anderen. Die bedeutenste ist die Wilhelmshöhe. Eine mit schattigen Bäumen gezierte Allee führt dorthin. An den Abgängen des Hügels wachsen frisches Gras, schöne Blumen und zierliche Tannenbäumchen. Eine Treppe benutzend gelangt man auf den Hügel. Ringsum sieht man einige von Eichen- und Buchenbäumen beschattete Ruheplätze. Von der Wilhelmshöhe hat man eine schöne Aussicht auf die Stadt. Die hohen Kirchtürme und die Schornsteine der Fabriken ragen aus den Häusergruppen hervor. Im Hintergrunde der Wilhelmshöhe steht das Bismarckdenkmal. Es wurde zum Andenken an den Fürsten Bismarck errichtet. In den Buchen, Eichen und den anderen Bäumen nisten manche Vögel, wie Meisen, Drosseln, Finken und Nachtigallen, die uns mit ihrem lieblichen Gesang erfreuen.“

Ein weiteres Denkmal erhielt der Hohe Busch im September 1914. Es erinnerte an den ein Jahr zuvor verstorbenen Fabrikanten Wilhelm Greef, ein Förderer des Verschönerungsvereins, dessen großzügige Unterstützung den Erwerb zahlreicher Waldflächen ermöglicht hatte. Das Porträtrelief schuf der aus Viersen stammende Berliner Bildhauer Peter Terkatz.

Denkmal für den Fabrikanten Wilhelm Greef, (LV / Lichtbilder Viersen, Nr. DO 14 92)

Nach dem Ersten Weltkrieg litt auch der Hohe Busch unter den wirtschaftlichen Nöten der Zeit. Holzdiebstähle waren an der Tagesordnung, ganze Parzellen wurden kahlgeschlagen. Der Verschönerungsverein sorgte jedoch immer wieder für die Wiederaufforstung der beschädigten Flächen. Gleichzeitig rückte der Sport zunehmend in den Mittelpunkt. In den Jahren 1924 und 1925 entstanden ehrgeizige Pläne für eine großzügige Sportanlage, vergleichbar mit derjenigen im benachbarten Süchteln. Verwirklicht wurde das Projekt jedoch zunächst nicht. Stattdessen setzte man die vorhandenen Sportplätze im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen instand und planierte sie. Auch die Idee eines Kurhauses mit Hotel und weiteren Vergnügungen für etwa 2000 Menschen, die auf den Gastwirt Schluncken zurückging, scheiterte vermutlich an den wenigen finanziellen Möglichkeiten.

Realisiert wurde dagegen ein Kindererholungsheim. Das im Mai 1931 eröffnete Haus bot Viersener Kindern Gelegenheit, sich in der gesunden Waldluft zu erholen und zu stärken. Benannt wurde es 1936 nach Fanny Zahn, der Ehefrau des Fabrikanten Carl Zahn und Ehrenvorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich auch die Nutzung des Hohen Busches. Er war nun nicht mehr ausschließlich ein Ort der Erholung. SA und andere nationalsozialistische Organisationen nutzten den Wald als Übungs- und Aufmarschgelände. Während der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs suchten zahlreiche Viersener zwischen den Bäumen Schutz vor den Bomben. Nach Kriegsende wurden große Mengen Trümmerschutt mit Loren auf den Hohen Busch gebracht und dort abgelagert.

Nach den Jahren von Krieg und Zerstörung fand der Hohe Busch schließlich zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurück – als Ort der Erholung, der Bewegung und der Begegnung mit der Natur. Der Viersener Verschönerungsverein sorgt weiter für den Erhalt des Hohen Busches.

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