12. Juni 2026

„Sie soll von nun an Freiheitsstraße heißen“

Foto Kreisarchiv Viersen
Eine der meist befahrenen Straßen ist die Freiheitsstraße. Die bewegte Geschichte der Straße erfahren Sie hier.
Text: Beatrix Wolters
Inhaltsverzeichnis

Eine Bahntrasse wird zur Umgehungsstraße

Die Freiheitsstraße – sie ist wohl eine der am meist befahrenen Straßen Viersens. Die Straße beginnt heute im Norden an der Dülkener Straße und geht auf Höhe der Ernst-Moritz-Arndt-Straße in die Kölnische Straße über. Ihren Namen erhielt sie vor 100 Jahren, ihre Geschichte aber, die eng mit der Viersener Eisenbahngeschichte verbunden ist, begann mehr als ein Jahrzehnt früher.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es immer deutlicher, dass der zweite Viersener Bahnhof den Ansprüchen einer modernen und wachsenden Stadt nicht mehr genügte. Ebenso benötigte Viersen eine Umgehungsstraße, die den ständig wachsenden Verkehr um die Viersener Innenstadt herumführen sollte.

Immer mehr Industriebetriebe entstanden, allen voran die Schokoladenfabrik von Josef Kaiser mitten im Viersener Stadtkern. Auch wurden alte Gebäude durch repräsentative Bauwerke ersetzt, dazu gehörte das neue Amtsgericht an der Dülkener Straße oder auch der Neubau des Allgemeinen Krankenhauses auf dem Hoserkirchweg. Ein reger Kultur- und Gaststättenbetrieb und der Hohe Busch machten Viersen zu einem beliebten Ausflugsziel.

Dies alles brachte zunehmend Verkehrsprobleme mit sich. Die neuen Industrien mussten beliefert werden. Vieles kam mit der Bahn und landete im östlich gelegenen Güterbahnhof. Dies verursachte lange Wartezeiten an den wenigen Bahnübergängen. Fuhrwerke, Kutschen und der langsam beginnende Autoverkehr fuhren durch die damals sehr engen Straßen der Viersener Innenstadt.

„Eine weitere Steigerung seiner Leistungen ist bei den bestehenden Anlagen nicht mehr möglich“, lautete die Begründung für die Verlegung von Bahnhof und Gleisanlagen im preußischen Haushaltsplan.

Im Jahr 1912 kam die lang ersehnte Genehmigung zum Bau eines neuen Bahnhofes und der Verlegung und Höherlegung der Gleisanlagen. Die veranschlagten Kosten betrugen 10 200 000 Mark. Da vorgesehen war, die neue Umgehungsstraße im alten Gleisbett anzulegen, rückte auch dieses Vorhaben in greifbare Nähe.

Im Januar 1914 begannen die Bauarbeiten. Für die künftig höher liegenden Trassen wurden riesige Erdmassen benötigt. Staunend beobachteten die Viersener den Abbau der Erde aus dem Baggerfeld und vom Pittenberg. Mittels Loren auf einer extra gelegten Schienenführung gelangte die Erde an die benötigten Stellen. Die Trassenlegung erfolgte in zwei Etappen. Zunächst wurde die südliche, nach Gladbach hinführende, fertiggestellt. Die Überquerung der Krefelder Straße sollte in einem zweiten Schritt erfolgen.

Foto: Erdarbeiten im Baggerfeld (Kreisarchiv Viersen)

Auch ein neues Bahnhofsgebäude wurde etwas außerhalb im Eichelnbusch errichtet. Zunächst diente dort der Rohbau, der mitten im Ersten Weltkrieg fertiggestellt wurde und ein Holzprovisorium als Bahnhof. Man wies in der Zeitung darauf hin, dass der Fußweg zur Bahn nun mindestens 10 Minuten länger dauern könnte. So manch einer verpasste den Zug, weil er den längeren Weg nicht einkalkuliert hatte. Der Bau der gesamten Anlage verzögerte sich auf kriegsbedingt erheblich und so wurde das als Übergangslösung gedachte Provisorium zunächst zur Normalität. Da der gesamte Bahnhofsbau stockte, musste auch die geplante Umgehungsstraße warten.

 

 

 

Der neue Viersener Bahnhof. ( Kreisarchiv Viersen)

Im November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Das linke Rheinufer wurde durch alliierte Truppen besetzt. Am 9. Dezember 1918 marschierten die belgischen Besatzer, etwa 700 Soldaten, in Viersen ein. Fortan wehte die belgische Fahne auf dem Rathausdach. Die Belgier, zunächst unter der Führung von Oberst Hillebrand, führten ein strenges Regiment. Dieser hatte sehr komfortabel in der Villa des Kommerzienrates Kaiser auf der Lindenstraße Quartier bezogen.

Den Unterhalt für die Besatzungstruppen musste das Deutsche Reich tragen. Die Kosten für die Requisitionen der Belgier trug ebenfalls die öffentliche Hand.

Für die Bevölkerung galten strenge Vorschriften. Man hatte alle Waffen abzuliefern, der Arbeiter- und Soldatenrat wurde verboten, belgische Fahnen und Standarten waren zu grüßen, Ansammlung von mehr als zehn Personen wurden verboten, Zeitungen standen unter Zensur und der Postverkehr war zunächst unmöglich

Es wurden Ausgangssperren verhängt, die streng kontrolliert wurden. So hatte die energische Ladenbesitzerin Gertrud Boeckstegers großes Glück. Eine belgische Patrouille sah sie in der Sperrstunde über den Hof in die Scheune laufen. Sie hatte vergessen nach der Ziege zu sehen und die Hühner zu füttern. Die belgischen Soldaten folgten ihr bis zum Scheunentor und riefen, sie solle herauskommen. Die mutige Frau antwortete, das würde sie nicht tun, es wäre ja Sperrstunde. Anscheinend verblüffte sie die Patrouille so mit ihrer Antwort, dass sie sich verzogen. Gertrud wartete noch einen Moment und schlich beherzt nach einiger Zeit ins Haus zurück. Das hätte auch anders ausgehen können.

Ebenso durfte man Viersen nicht einfach verlassen. Auch dazu musste ein Erlaubnisschein der Besatzungsmacht vorliegen. Ein Personalausweis mit Lichtbild für alle vor 1904 geborenen wurde eingeführt.

Ausweis von Gertrud Boeckstegers (Privat)

In diesen aufgewühlten Zeiten wurde der Bahnhofsbau weiterverfolgt. Im Januar 1918 begann man mit den Abrissarbeiten des alten Bahnhofsgebäudes an der Casinostraße.

Das neue Bahnhofsgebäude wurde am 22. Mai 1920 eingeweiht. Dies geschah nur in Anwesenheit der Bahnbeamten, der Bauabteilung und der Handwerker. „Ohne Gedränge, von der Öffentlichkeit unbemerkt“ schrieb die Viersener Zeitung am 24. Mai 1920 über die Einweihung des Gebäudes. Sie bemerkte, dass auch die Presse keine Einladung erhalten hatte. Im gleichen Jahr begann man mit der Fertigstellung des zweiten Teiles der Gleisanlagen, der Überquerung der Krefelder Straße.

Die alten Gleise wurden nun entfernt. Der Plan, das ehemalige Gleisbett als Autostraße nutzbar zu machen wurde nun nach und nach Wirklichkeit. Zunächst wurde die Straße von der Ummerstraße bis zur Goetersstraße ausgebaut. In Zeiten von Not, Unruhen, Arbeitslosigkeit und Inflation wurde diese Maßnahme als städtische Notstandsmaßnahme durchgeführt. Viele erwerbslose Männer bekamen so eine Arbeit – ein Rettungsanker zur Ernährung der Familie.

Blick in die Freiheitsstraße (Foto Kreisarchiv Viersen)

Veränderte außenpolitischen Verhältnisse beendeten in vielen Teilen des Rheinlandes die Besatzungszeit mit ihren ihre vielen Beschränkungen. Am 1. Februar 1926 war es für Viersen endlich so weit, die belgischen Besatzer zogen Richtung Aachen ab. Die Kinder bekamen schulfrei und die Viersener Bevölkerung versammelte sich jubelnd vor dem Rathaus. Die Kirchenglocken der Stadt läuteten zu diesem Anlass. Endlich war dies alles wieder möglich. Im Saal des Rathauses hatten sich die Stadtverordneten zu einer außerordentlichen Festsitzung versammelt. In seiner Ansprache kam der damalige Bürgermeister Gilles auf die neue Viersener Umgehungsstraße zu sprechen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Namen erhalten hatte. Er sagte in seiner Ansprache: “Ein dauerndes Denkmal an diesem Tag soll unsere neue große Autoumgehungsstraße sein. Sie soll von nun an „Freiheitsstraße“ heißen und, damit unseren Nachkommen der Tag ewig im Gedächtnis bleibe, den Zusatz „1. Februar 1926“ erhalten.“

Der weitere Ausbau der Straße, die aber bereits schnell befahren werden konnte, dauerte Jahre. Sie wurde schließlich bis zur Dülkener Straße durchgebaut. Zunächst mit Basalt belegt, wurde die zweispurige Straße schließlich asphaltiert und auch verbreitert. Zwischen der Bahnhof- und Süchtelner Straße gab es einen Fahrradweg, ein Novum in dieser Zeit.

Im Jahr 1969 begann der vierspurige Ausbau der Freiheitsstraße. Die Straße wurde dazu mit einer Ampelanlage versehen. Die versprochene „Grüne Welle“ funktionierte dabei zum Verdruss der Verkehrsteilnehmer nicht immer und sorgte oft für Diskussionen.

Ein Teil der Straße trägt bis heute die Bezeichnung „Freiheitsstraße“, der Datumszusatz war wohl bald vergessen.

Wer heute über die Freiheitsstraße fährt, ahnt kaum, wie viel Geschichte unter ihren Asphalt verborgen liegt. Doch ihr Name erinnert bis heute daran, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist – und dass Straßen auch Erinnerungsorte einer Stadt sein können.

 

Jetzt beitreten

Der Verein für Heimatpflege zählt ca. 900 Mitglieder. Werden auch Sie Teil unserer Community.