9. Oktober 2026

„Aus zwei mach eins“

Foto Heimatverein Viersen
So hätte das Motto des Gymnasiums lauten können. Vortrag bei der Feier des zum 150. Geburtstags des Huma.
Text: Beatrix Wolters
Inhaltsverzeichnis

Der Himmel war bedeckt am 23. September 1876. Die Temperatur lag bei 12 Grad, der Wind kam aus Südsüdost. Es war ein Samstag.
Viersen war an diesem Tag festlich geschmückt. Fahnen waren herausgehängt.
Denn es gab etwas zu feiern: Die neue Höheren Bürgerschule an der Wilhelmstraße wurde eingeweiht.
Die Honoratioren hatten sich zunächst – schön getrennt nach Konfessionen – in ihren jeweiligen Kirchen zu einem Gottesdienst versammelt: in der Remigiuskirche und in der evangelischen Kirche an der Hauptstraße.

Danach aber wurde aus zwei getrennten Lagern eines.

Der Festakt zur Eröffnung der neuen Schule begann in der Aula. Redner waren der Viersener Bürgermeister Wilhelm Baumann, der Provinzial-Schulrat Dr. Höpfner und der neue Direktor Otto Wilhelm Thomé. Man war stolz auf diese neue Schule.

Und man wusste, dass sie etwas Besonderes war.

„Die Schule wird eine confessionell gemischte, eine paritätische sein. Besondere Pflichten erwachsen daraus uns Allen, denn nun gilt es, darauf hinzuarbeiten, dass jedes Glied in dem neuen Organismus sich auch als gleichberechtigt fühle, dass Lehrer und Schüler sich selbst wie eine große Familie betrachten und in Stadt und Staat gerne als solche anerkannt werden. Und dazu reicht es durchaus nicht hin, dass der Einzelne genug gethan zu haben glaubt, wenn er jeglichen Konflikt sorgfältigst zu vermeiden sucht: er muss vor allem das Allen gemeinsame suchen, festhalten und pflegen“,

sagte Direktor Thomé in seiner Rede.

Auch heute noch ein aktuelles Zitat. Das war alles im Jahr 1876 keineswegs selbstverständlich. Das noch junge Deutsche Kaiserreich war geprägt vom Kulturkampf. Der Staat unter Bismarck versuchte, den Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen. Auch in Viersen waren die Auswirkungen zu spüren. Ordensleute mussten die Stadt verlassen, die Katholische Höhere Töchterschule musste ihren Betrieb einstellen.

Und auch die neue Schule war nicht bei allen willkommen.

In der Kölnischen Zeitung wurde von Drohungen berichtet, mit denen man den katholischen Pfarrer Franz Josef Schroeteler davon abhalten wollte, an der Veranstaltung teilzunehmen.
Im Vorfeld hatte es Leserbriefe gegeben, die sinngemäß sagten:

Es sollte doch alles so bleiben, wie es ist.

Auch das kennen wir noch heute

Aber wie war es denn eigentlich?

Es gab zwei konfessionelle Schulen.

Da war zunächst die katholische Lateinschule.

Am Alten Markt, dem heutigen Remigiusplatz, gab es neben dem Rathaus bereits seit dem 17. Jahrhundert eine Lateinschule. Sie war vom Stift St. Gereon gestiftet worden und wurde von der katholischen Pfarrgemeinde getragen.

Die Schüler erhielten dort eine für die damalige Zeit gute Ausbildung. Wer weiterlernen wollte, musste allerdings meist nach Roermond, Venlo oder Köln wechseln.

Die Schule hatte im Laufe der Zeit immer wieder mit Problemen zu kämpfen. Das alte Schulgebäude war baufällig geworden, Geld für eine Renovierung fehlte.

Die Schule zog deshalb zunächst in andere Räume. Doch auch das war keine dauerhafte Lösung.

Schließlich entwickelte sich sogar ein heftiger Streit zwischen Kirche und Stadtverwaltung um das alte Schulgebäude.

Die Stadt hatte das Gebäude renoviert und vermietet. Die Kirche erhob nun Ansprüche darauf.

Der Streit eskalierte. Vor dem Rathaus kam es zu Tumulten zwischen Anhängern der Kirche und der Verwaltung. Größere Gewalt konnte gerade noch verhindert werden.

Das Friedensgericht wurde eingeschaltet und gab schließlich der Kirche recht.

Die Lateinschule konnte wieder in ihr altes Gebäude einziehen.

Doch die nächste Schwierigkeit ließ nicht lange auf sich warten: Die Zahl der Schüler wuchs und die Räume wurden zu eng.

1853 konnte deshalb an der heutigen Rektoratstraße eine neue Lateinschule eröffnet werden.

Parallel dazu hatte sich auch die wachsende evangelische Gemeinde um das Schulwesen gekümmert. Hinter der evangelischen Kirche an der Hauptstraße entstand eine eigene evangelische Schule.

Wir hatten also zwei Schulen.Zwei Konfessionen.

Doch Viersen wuchs weiter. Und mit der wachsenden Stadt wuchs auch der Wunsch nach einer Schule, die den Anforderungen der Zeit entsprach.

Die Stimmen für den Bau einer neuen öffentlichen Höheren Bürgerschule wurden lauter. Viersen wollte gegenüber anderen Städten nicht zurückstehen.

Und vor allem sollte den Viersener Schülern das sogenannte „Einjährige“ ermöglicht werden. Wer das 10. Schuljahr, die auch genannte „Mittlere Reife“ absolviert hatte, konnte seine Militärzeit auf ein Jahr verkürzen.

1875 wurde der Neubau beschlossen.

Für die neue Schule fand man ein Grundstück an der Wilhelmstraße.

Am 27. Juli 1875 wurde, wie der erste Direktor Otto Wilhelm Thomé später schrieb, morgens um halb sechs in aller Stille der Grundstein gelegt.

Bürgermeister Wilhelm Baumann und die beiden Stadtverordneten Mathias Lüps und Karl Schaub waren dabei.

Von nun an konnte man das Entstehen der neuen Schule beinahe täglich beobachten.

Die beengten Verhältnisse der alten Schulen sollten bald Geschichte sein.

Aus zwei mach eins

Am 25. September begann der Schulbetrieb mit 105 Schülern und acht Lehrern.

Für den Besuch der Schule musste Schulgeld bezahlt werden. Begabte Schüler konnten durch ein Stipendium unterstützt werden.

Auch das Kuratorium, das über die Entwicklung der Schule wachen sollte, war nach dem Gedanken der Parität zusammengesetzt: sechs Katholiken und drei Protestanten.

Doch ganz so selbstverständlich, wie das Wort „paritätisch“ heute klingt, war die Gleichberechtigung damals noch nicht.

Juden und Mennoniten waren im Kuratorium nicht vertreten.

Der jüdische Kaufmann und Viersener Bürger Jacob Hornemann wollte das nicht einfach hinnehmen. Er wandte sich mit Petitionen dagegen, dass Juden nach dem Statut nicht Mitglied des Kuratoriums waren. Seine Bemühungen blieben jedoch erfolglos.

Zunächst führte der Bildungsweg allerdings nur bis zum sogenannten „Einjährigen“. Wer das Abitur machen wollte, musste weiterhin auf ein Vollgymnasium wechseln – häufig nach Krefeld.

Doch auch das sollte sich ändern.

Viersen wuchs weiter. Und mit der Stadt wuchs der Wunsch nach einem eigenen Vollgymnasium.

1901 wurde dieser Wunsch Wirklichkeit.

Die ersten 24 Abiturienten verließen im Jahr 1904 die Schule.

Aus zwei mach eins.

 

Löwenapotheke

Das zerstörte Lyzeum an der Hauptstraße, daneben rechts die Löwenapotheke. (KAV, LV, Nr. 5-7045)

Aber das war nicht das letzte Mal, dass dieser Gedanke die Geschichte der Schule bestimmen sollte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden das Lyzeum und das Humanistische Gymnasium gemeinsam im Gebäude an der Wilhelmstraße untergebracht. Das Gebäude des Lyzeums war durch Bomben vollständig zerstört worden.

Die beiden Schulen mussten sich das Gebäude im sogenannten Wechselunterricht teilen.

Jungen und Mädchen lernten dort – aber streng getrennt.

Man durfte sich nicht begegnen.

Wieder waren es also zwei Schulen unter einem Dach.

Und dann kam die nächste große Veränderung.

Aus zwei mach eins.

Zu Beginn der 1990er Jahre wurden das Humanistische Gymnasium und das Gymnasium an der Löh zusammengeführt.

Aus dieser Verbindung entstand die Schule, in der wir heute stehen:

das Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium.

Wenn man auf die vergangenen 150 Jahre zurückblickt, ist „Aus zwei mach eins“ deshalb mehr als nur ein Motto.

Es ist ein roter Faden dieser Schulgeschichte.

Aus katholischer und evangelischer Tradition entstand eine gemeinsame, paritätische Schule.

Aus einer Schule, die zunächst nur bis zum „Einjährigen“ führte, wurde ein Vollgymnasium.

Aus verschiedenen Schulen entstand schließlich das heutige Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium.

150 Jahre – das sind nicht nur Gebäude, Jahreszahlen und Schulformen.

Es sind vor allem 150 Jahre voller Menschen.

Schülerinnen und Schüler, die hier gelernt, Freundschaften geschlossen, ihre ersten Schritte ins Berufsleben gemacht und vielleicht manchmal auch die Schulzeit herbeigesehnt haben.

Lehrerinnen und Lehrer, die Generationen geprägt haben.

Direktoren, die ihre Schule durch ganz unterschiedliche Zeiten führen mussten.

Und eine Stadt, die sich immer wieder verändert hat – und mit ihr ihre Schule.

Heute wollen wir deshalb nicht nur auf 150 Jahre Huma zurückblicken.

Wir wollen uns erinnern an die Menschen und Geschichten, die diese Schule geprägt haben.

Und genau davon erzählt die Ausstellung, die wir gleich gemeinsam eröffnen werden. Aber davon später.

150 Jahre Huma, ein Jubiläum, viele Geschichten.

Und immer wieder:

Aus zwei mach eins.

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