Zwölfeinhalb Millionen Steine bildeten die Grundlage einer der modernsten psychiatrischen Anstalten ihrer Zeit. Als die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Johannisthal bei Süchteln im Sommer 1906 eingeweiht wurde, stand sie für einen grundlegenden Wandel im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen. Licht, Luft und Bewegungsfreiheit sollten die düsteren Verwahranstalten des 19. Jahrhunderts ablösen.Den Anstoß dazu gab der Rheinische Provinziallandtag bereits im Jahr 1897. Er beschloss eine umfassende Reform der damaligen „Rheinischen Irrenpflege“. Geplant war der Bau zweier Provinzial-Heil- und Pflegeanstalten mit jeweils 800 Betten nach modernsten Grundsätzen des Anstaltsbaus. An die Stelle langer Flure und gefängnisartiger Zellen sollten freundliche Gebäude in parkähnlicher Umgebung treten.Vorausgegangen waren mehrere Skandale in Heil- und Pflegeanstalten, die erhebliche Missstände bei der Unterbringung und Behandlung psychisch kranker Menschen offenlegten. Besonders ein schwerer Vorfall in Mariaberg, einer Zweigstelle des Alexianerkrankenhauses Aachen, und der anschließende Prozess beschleunigten die Reformpläne.
Zunächst war der Bau neuer Anstalten in Galkhausen, dem heutigen Langenfeld, und in Krefeld vorgesehen. Von Süchteln war noch keine Rede. Für den Standort Krefeld hatte die Provinzialverwaltung bereits das Gut Fichtenhain erworben. Neun Millionen Steine aus der Arbeitsanstalt Brauweiler waren schon angeliefert worden. Es wurde aber bekannt, dass auf dem benachbarten Gelände ein Stahlwerk entstehen sollte. Damit war der Standort als ruhige und heilungsfördernde Umgebung ungeeignet. Die Pläne für eine Heil- und Pflegeanstalt wurden aufgegeben und der Bauplatz erneut ausgeschrieben.
Süchteln erhielt schließlich den Zuschlag. Das Johannistal bot alles, was sich die Planer wünschten: Frische Luft, viel Platz, Ruhe und keine Gefahr einer industriellen Bebauung. Die Entscheidung löste in der Stadt große Freude aus. Man hoffte auf Arbeitsplätze, wirtschaftlichen Aufschwung und neue Einwohner. So drängte man auch schnell, mit dem Bau zu beginnen, da es in Süchteln immer weniger Arbeitsplätze gab. Die Menschen waren gezwungen, sich in den Nachbarorten Arbeit zu suchen und so bestand die Gefahr sie auch als Einwohner zu verlieren.
Im Juli 1901 beschloss der Rheinische Provinziallandtag endgültig den Bau der „Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Johannisthal zu Süchteln“. Die Hochbauabteilung der Provinzialverwaltung unter der Leitung von Julius Balzer begann mit den Planungen. Zur Verstärkung holte man den Berliner Architekten Paul Hirschhorn nach Süchteln. Der Sohn des Frankfurter Kaufmanns Louis Hirschhorn hatte zuvor in Wiesbaden und bei der Regierung in Berlin gearbeitet, bevor er sich als freier Architekt in Berlin-Charlottenburg niederließ. Nach der erfolgreichen Bewerbung übernahm er in Süchteln die Planung und die Bauleitung.
Die Lieferung der benötigten zwölfeinhalb Millionen Steine übernahm die Viersener Ringofenziegelei Büssem & Hüpkes. Den Auftrag für die ersten acht Gebäude erhielt eine Baufirma aus Barmen.Aus der Arbeitsanstalt Brauweiler wurden 80 Häftlinge als Hilfsarbeiter eingesetzt. Sie waren auf einem benachbarten Gutshof untergebracht. Immer wieder berichteten die Viersener Zeitungen über Streitigkeiten und Ausbrüche der Gefangenen.
Zum ersten Direktor war Dr. Brie bestimmt worden. Er starb jedoch bereits während der Anfangsbauphase. Sein Nachfolger wurde Dr. Gustav Flügge. Als Oberarzt der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Düren war er zuvor mit der Auflösung der skandalumwitterten Alexianeranstalt und ihrer Zweigstelle Mariaberg betraut gewesen.

Dr Gustav Flügge (LVR-Klinik Viersen)
Blick rechts auf das Hauptverwaltungsgebäude der Anstalt. (LVR-Klinik Viersen)
Wie dringend neue Behandlungsplätze benötigt wurden, zeigte sich schon vor der offiziellen Eröffnung. Bereits zum 1. Juni 1905 wurden die ersten 400 Patienten aufgenommen. Ende des Jahres lebten bereits rund 600 Kranke in der noch nicht vollständig fertiggestellten Anstalt. Zur Anlage gehörten insgesamt 44 Gebäude. Neben den Patientenhäusern entstanden ein Verwaltungsgebäude, die Kirche, das Gesellschaftshaus, Werkstätten, eine Kegelbahn sowie Wohnhäuser für Ärzte und leitende Mitarbeiter.
Parallel dazu begann die Suche nach Personal. Besonders Pflegekräfte wurden dringend benötigt. Besondere Voraussetzungen gab es damals kaum. Für die Einstellung benötigte man einen guten Leumund. Pflegerinnen warb man am Anfang per Anzeige. Sie sollten nicht unter 18, aber auch nicht über 20 Jahre alt sein. Die Ausbildung dauerte lediglich sechs Monate und erfolgte überwiegend durch erfahrene Oberpfleger, Oberschwestern und im theoretischen Teil durch Oberärzte. Die Arbeit galt in der Bevölkerung als wenig erstrebenswert. Der Provinzialverband hatte mit verbesserten Lohnzahlungen die Attraktivität erhöhen wollen, jedoch mit geringem Erfolg. Junge Frauen wechselten häufig lieber in Privathaushalte, während viele Männer die Tätigkeit nur als Winterbeschäftigung nutzten. Sie zogen es oftmals vor, den Rest des Jahres in der Landwirtschaft zu arbeiten. Zwölf- bis Vierzehn- Stundentage waren an der Tagesordnung. Dies änderte sich erst nach dem Ersten Weltkrieg. Pflegerinnen und Pfleger lebten nahezu mit den Patienten zusammen. Immerhin bot die neue Anstalt einen kleinen Fortschritt. Während das Personal in vielen älteren Einrichtungen noch in den Schlafräumen der Patienten schlief, standen in Süchteln eigene Räume im Dachgeschoss der Patientenhäuser zur Verfügung. Zum Lohn gehörten auch Kost und Logis. Pro Woche stand ihnen ein halber freier Sonntag zu. Außerdem sollten die Beschäftigten möglichst unverheiratet sein. Pfleger versorgten ausschließlich Männer, weibliches Pflegepersonal war für die Frauen zuständig.
Die Anstalt war zur Behandlung von „Geisteskrankheiten und Epileptikern“ bestimmt. Sie stellte mit der Versorgung epilepsiekranker Menschen innerhalb der Rheinprovinz eine Besonderheit dar. Unbemittelte Patienten, die keiner stationären Behandlung bedurften, konnten sich in einer eigens eingerichteten Poliklinik beraten und behandeln lassen. Gleichzeitig erleichterte diese den Zugang zu Heil- und Hilfsmitteln. Hinzu kam eine besondere Einrichtung für epileptische, katholische und bildungsfähige Jungen und Mädchen bis zum 14. Lebensjahr. Daraus entwickelte sich später die 1921 gegründete Orthopädische Provinzial-Kinderheilanstalt. Darüber hinaus gab es bereits erste Ansätze einer gemeindenahen psychiatrischen Betreuung. Auch architektonisch setzte die neue Anstalt Maßstäbe. Sie war nach dem Offene-Türen-Prinzip gestaltet. Die Patienten sollten sich – soweit möglich – frei bewegen können. Die pavillonartig angeordneten Häuser mit ihren weitläufigen Gärten vermittelten den Eindruck eines kleinen Dorfes. Ein acht Meter breiter Weg trennte die Männer- von der Frauenabteilung. Beheizt wurden die Gebäude mit Dampf aus dem Maschinenhaus, der durch begehbare Versorgungskanäle geleitet wurde. Rund 2.000 Glühlampen und mehrere Bogenlampen sorgten für elektrische Beleuchtung. Ein eigenes Klärwerk reinigte das Abwasser, bevor es in die Niers gelangte. Für den Transport von Speisen, Wäsche und Materialien zwischen den Gebäuden diente eine Schmalspurbahn mit einer elektrischen Lokomotive. Die Kirche war von Beginn an eine Simultankirche, in der katholische und evangelische Gottesdienste stattfanden. Die Baukosten der Anstalt beliefen sich auf rund 4,2 Millionen Mark.
Am 14. Juli 1906 wurde die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Johannisthal feierlich eingeweiht. Im festlich geschmückten Gesellschaftshaus nahmen Landeshauptmann Ludwig von Renvers sowie Vertreter des Kreises Kempen, der Gemeinden und der Kirchen an der Feier teil. Nach den Festansprachen und dem Dank an die am Bau Beteiligten konnten sich die Gäste bei einem Rundgang selbst ein Bild von der neuen Einrichtung machen. Der Gedenkstein nahe der Johanniskirche erinnert noch heute an diesen Tag.
Lange währte die Freude über den gelungenen Neubau jedoch nicht. Schon kurz nach der Eröffnung war die Anstalt überbelegt. Deshalb beschloss der Provinzialverband kurz darauf den Bau weiterer Patientenhäuser mit 240 zusätzlichen Betten. Im Jahr 1911 wechselte Direktor Gustav Flügge an die neu errichtete Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau. Sein Nachfolger Dr. Carl Orthmann ließ unter anderem einen Operationssaal und eine Röntgeneinrichtung errichten. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 endete schließlich die erste große Aufbauphase der jungen Anstalt. Viele Reformideen mussten hinter den Anforderungen der Kriegsjahre zurücktreten.

Dr, Carl Orthmann (LVR-Klinik Viersen)
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