Denn die katholische und die evangelische Bürgerschule bildeten die Grundlage für das neue Realprogymnasium, das am 23. September 1876 feierlich eröffnet wurde. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Und eigentlich beginnt die Geschichte der Viersener Höheren Schule noch viel früher.
Von der Lateinschule zum Realprogymnasium
Am Alten Markt, dem heutigen Remigiusplatz, gab es neben dem Rathaus, welches direkt rechts von der Remigiuskirche lag, seit etwa 1662 eine Lateinschule. Sie wurde von der katholischen Pfarrgemeinde getragen und vermittelte ihren Schülern eine für die damalige Zeit gute Ausbildung, die oftmals in Roermond, Venlo oder Köln vollendet wurde.Mit der französischen Besatzung änderten sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend. Die Lateinschule überlebte diese Zeiten, aber das Gebäude war baufällig geworden. Das Geld für eine Renovierung fehlte.Doch dies bedeutete nicht das Ende der Schule. Vikar Steinwegs der Ältere stellte Räume und sein Wissen zur Verfügung. Später zog die Schule in den alten Schultheißenhof, aber auch diese Lösung war nicht von Dauer. Nach einiger Zeit musste eine neue Bleibe gesucht werden. Dabei geriet die Suche mitten in einen Streit zwischen Kirche und Stadtverwaltung. Das alte Schulgebäude, das der Kirche gehörte, war inzwischen von der Verwaltung renoviert und vermietet worden. Die kirchlichen Verantwortlichen wollten es nun zurück.

Blick in den Alten Markt. Rechts neben der Remigiuskirche das alte Viersener Rathaus, angebaut daran ist die erste Lateinschule. Conrad Schmitz, Heimatverein Viersen
Der Konflikt spitzte sich zu. Vor dem Rathaus kam es zu Tumulten zwischen den Anhängern der Kirche und der Verwaltung. Richtige Gewalt konnte gerade noch verhindert werden. Schließlich musste das Friedensgericht entscheiden. Es gab der Kirche recht – und damit konnte das Gebäude wieder als Lateinschule genutzt werden.Doch auch dort wurden die Verhältnisse mit zunehmender Schülerzahl bald zu eng. Die katholische Gemeinde suchte deshalb nach einem neuen Standort und wurde an der heutigen Rektoratstraße fündig. 1853 konnte dort die neue Lateinschule eröffnet werden.Parallel dazu hatte sich auch die wachsende evangelische Gemeinde um das Schulwesen gekümmert. Es entstand nun eine eigene evangelische Schule.

Die Lateinschule an der Rektoratstraße diente später als Altenheim und Kindergarten und wurde im Zweiten Weltkrieg von Bomben beschädigt. Heimatverein Viersen
Dann veränderte sich erneut die politische Lage. Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 und dem anschließenden Kulturkampf verschärfte sich der Konflikt zwischen dem Staat und der katholischen Kirche. Auch das Schulwesen blieb davon nicht unberührt. Dazu entsprachen die beiden konfessionellen Schulen nicht mehr den Ansprüchen der Zeit. Stimmen für den Bau einer neuen öffentliche Realschule wurden lauter, um nicht länger gegenüber anderen Städten zurückzuliegen. Zumindest das „Einjährige“ sollte den Viersener Schülern ermöglicht werden. So manch einer sah dies skeptisch und fragte „Wozu Veränderung?
Der Neubau wurde beschlossen. Für die neue Schule wurde ein Grundstück an der Wilhelmstraße gefunden. Am 27. Juli 1875 wurde, wie der erste Direktor Otto Wilhelm Thomé später schrieb, morgens um 5 1/2 Uhr durch Bürgermeister Wilhelm Baumann und die beiden Stadtverordneten Mathias Lüps und Karl Schaub in aller Stille der Grundstein gelegt. Nun konnte man das Entstehen der neuen Schule beinahe täglich beobachten. Die beengten Verhältnisse der alten Schulen sollten bald Geschichte sein. Am 23. September 1876 war es schließlich so weit, das neue Realprogymnasium wurde feierlich eröffnet. Die Honoratioren der Stadt waren eingeladen, die neuen Räume kennenzulernen. Bürgermeister Baumann und Direktor Thomé begrüßten die Festgesellschaft. Anschließend traf man sich zum Festessen im Casino. Die neue Schule startete mit 105 Schülern und acht Lehrern. Für den Besuch der Schule musste Schulgeld bezahlt werden. Für begabte Schüler verhalf ein Stipendium zum Besuch. Ein Kuratorium wachte über den Fortschritt der Schule. Zunächst führte der Bildungsweg nur bis zum sogenannten Einjährigen. Wer das Abitur ablegen wollte, musste weiterhin auf ein Vollgymnasium wechseln – meist nach Krefeld.
Doch Viersen wuchs. Und mit der wachsenden Stadt wuchs auch der Wunsch nach einem eigenen Vollgymnasium.
Das erste Kuratorium der Schule. Rechts in der Mitte der erste Direktor Otto Wilhelm Thomé, links der Viersener Bürgermeister Wilhelm Baumann. (KAV, LV, Nr. Nr. 5-2053)
Abitur auch in Viersen
Im Jahr 1901 war es so weit. Die Schule wurde zum Vollgymnasium erweitert und konnte nun auch zum Abitur führen. Die ersten 24 Abiturienten verließen 1904 die Schule.Unter der Leitung von Eduard Josef Löhrer war dieser entscheidende Schritt gelungen. Mit seinen liberalen Ansichten gehörte er zu den prägenden Persönlichkeiten der Schule. Diese erfreute sich immer größerer Beliebtheit. Doch die Welt außerhalb ihrer Mauern sollte bald eine völlig andere werden.

Schulkollegium im Jahr 1902, unterste Reihe dritter von links der Direktor Josef Löhrer. (KAV, LV, Nr. 5-2393)
Der Erste Weltkrieg
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, erfasste die Kriegsbegeisterung auch Teile der Schülerschaft. Einer von ihnen war Alex Quacken. Der junge Schüler verließ die Schule noch vor dem Abitur, um in den Krieg zu ziehen. Er träumte davon, später zurückzukehren und seine Reifeprüfung nachzuholen. Dazu kam es nicht. Alex Quacken fiel 1917 in Frankreich. Auf dem Soldatenfriedhof in Maurepas fand er seine letzte Ruhestätte. Währenddessen wurden auch in Viersen junge Menschen auf ihren späteren Militärdienst vorbereitet. Zahlreiche Schüler des Gymnasiums beteiligten sich an der von Bürgermeister Peter Stern einberufenen Jugendwehr, unter ihnen der 18-jährige Siegfried Nathan.
Doch die Schulgemeinschaft war nicht ausschließlich christlich geprägt. Auch jüdische Schüler besuchten das Gymnasium. Das führte bereits unmittelbar nach dem Bau der Schule zu Auseinandersetzungen über die Zusammensetzung des Schulkuratoriums. Der Viersener Fabrikant Jakob Hornemann wandte sich über zehn Jahre mit Petitionen gegen dessen Zusammensetzung. Sein Anliegen wurde schließlich im Reichstag behandelt. Die Empfehlung der Abgeordneten lautete sinngemäß, es sei ratsam, sich mit den Stadtverordneten gut zu stellen.
1929 legte Kurt Schnook sein Abitur ab. Er sollte der letzte jüdische Schüler sein, dem dies am Viersener Gymnasium noch möglich war. Auch baulich veränderte sich die Schule. Die alte Turnhalle, die zugleich als Aula diente, wurde im Jahr 1930 umgebaut. Viele ehemalige Schüler werden sich noch an den – mehr oder weniger beliebten – Turnunterricht dort erinnern. Heute hat der Viersener Heimatverein dort eine Heimat gefunden.Doch die größten Veränderungen standen noch bevor.
Die Schule im Nationalsozialismus
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 machte die neue Ideologie auch vor dem Gymnasium nicht halt. Direktor Kapelle entsprach nicht den Vorstellungen der neuen Machthaber. Er wurde als Direktor abgesetzt und setzte seine Tätigkeit nun als Studienrat fort. Auch der Unterricht veränderte sich. Die nationalsozialistische Weltanschauung hielt Einzug in die Lehrpläne. Rassenkunde gewann an Bedeutung, andere Fächer und Bildungsinhalte wurden zurückgedrängt.

Das Schulkollegium 1933, v.l. Tonn, Schneider, Kötz, Becker, Cremer, Klingen, Donner, Klein, Hoengen, Huben, Kapelle, Brettar, Schlager, Finger, Strothmann. (KAV, LV, Nr. 5-1680)
Gleichzeitig wuchs der Anteil der Schüler, die der Hitlerjugend angehörten. 1936 waren nahezu alle Jungen dort organisiert. Für die letzten jüdischen Schüler der Schule hatte diese Entwicklung dramatische Folgen. Klaus Anschel und Hermann Rosenmann wurden zunehmend ausgegrenzt. Freunde wandten sich ab, und auch von Lehrern erfuhren sie keine Hilfe und oft sogar Schikane. Schließlich mussten beide die Schule verlassen. Ihre Zukunftspläne waren damit zerstört. In seinem Abgangszeugnis gab es für den Schüler Rosenmann „gute Wünsche mit auf den Weg“.
Krieg und Zerstörung
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zogen erneut Schüler und Lehrer des Gymnasiums in den Krieg. Manche kehrten zurück, oftmals schwer verwundet – an Körper und Seele. Auch Lehrer der Schule wurden Teil der nationalsozialistischen Kriegspropaganda. Lehrer Walter Paulus wurde zum ersten Viersener Ritterkreuzträger. Er präsentierte die Auszeichnung in seiner Heimatstadt und wurde von den führenden Persönlichkeiten der Stadt empfangen.Das Gymnasium selbst blieb von größeren Zerstörungen weitgehend verschont. Anders erging es der dem Lyzeum auf der Hauptstraße. Nach dem Bombenangriff am 5. Februar 1945 war diese Schule völlig zerstört worden. Am 3. September 1944 endete auch der Schulbetrieb des Gymnasiums. Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 1. März 1945 begann für die Schule – wie für die ganze Stadt – eine neue Zeit.
Jungen und Mädchen
In der Nachkriegszeit zeigten sich die beiden Viersener Gymnasien zunächst kooperativ. Weil die Gebäude knapp und das Lyzeum zerstört war, wurde Wechselunterricht organisiert: Die Jungen kamen morgens, die Mädchen mittags. In der folgenden Woche wurde getauscht. Bis Jungen und Mädchen selbstverständlich gemeinsam unterrichtet wurden, sollte es allerdings noch dauern. Die Koedukation setzte Anfang der 1970er Jahre ein. Damit begann erneut eine Veränderung, die das Gesicht der Schule nachhaltig prägen sollte. Ende des Jahrzehnts folgte allerdings eine große Enttäuschung für das Gymnasium. Ein Neubau war entstanden – doch nicht wie gedacht für das Jungengymnasium. Das zahlenmäßig größere Mädchengymnasium zog 1979 in die neue Schule ein. Das Jungengymnasium übernahm dafür die bisherigen Räume der Mädchenschule an der Lindenstraße.So manch einer hatte sich dies anders vorgestellt.
Aus zwei mach eins – zum zweiten Mal
Und dann schloss sich 1991 ein Kreis. Aus zwei mach eins – was einst die Devise bei der Gründung des Realprogymnasiums hätte gewesen sein können, galt nun erneut. Das Jungen- und das Mädchengymnasium wurden zusammengeführt. Aus zwei Schulen wurden eine – das heutige Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium. 150 Jahre Schulgeschichte sind damit auch 150 Jahre Geschichte einer Stadt im Wandel: Viele Generationen haben hier gelernt, gestritten, Freundschaften geschlossen, gelacht und manchmal auch unter dem Unterricht gelitten. Die Gebäude haben gewechselt, die Namen haben sich verändert, die Lehrpläne ebenso.
Geblieben ist die Schule – und mit ihr die vielen Geschichten der Menschen, die ihr angehörten.
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